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Fotografie : „Bergwerke und Hütten“ ist leidenschaftlich sachlich

Ausstellungen, 07.02.2010, Martina Schürmann

Bottrop. Man darf sich natürlich fragen, wie die Industriekultur im Ruhrgebiet heute dastünde, ohne den berühmten „Becher-Blick“. Ohne die Tausende von Bildern – Förder- und Wassertürme, Hütten und Hochöfen, Kohlebunker und Kieswerke – die man kaum dokumentarische Fotografie nennen mag, weil sie insgeheim doch eine Liebeserklärung ist: unsentimental, aber gleichwohl aus tiefstem Herzen. Formal streng, und doch von enormer Hingabe.

Es ist eine selbstlose Liebe, in der die eigene Kunst, die so genannte „Handschrift“ zurücktritt hinter das Objekt. Und doch hat sie die Bechers zu Weltstars gemacht. Ausgezeichnet mit dem Golden Löwen der Biennale von Venedig. Gefeiert in ihrer Bedeutung als Pioniere der Konzept-Kunst. Stilbildend für eine ganze Generation von Fotografen-Prominenz, die man heute unter dem Begriff Becher-Schule zusammenfasst. Das Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop würdigt das Becher-Werk nun mit einer Ausstellung, die erstmals nicht das einzelne Objekt, sondern die Industrielandschaft in den Mittelpunkt rückt: „Bergwerke und Hütten.“

Zweieinhalb Jahre nach dem Tod Bernd Bechers ist Ehefrau Hilla die Alleinverwalterin eines wohl unvergleichlichen Lebenswerks. Und wer dieser wachen, klugen und zugewandten Mittsiebzigerin begegnet, der trifft gewissermaßen auf das Gedächtnis der Industriekultur, einer im Verschwinden begriffenen Kolossal-Landschaft voller Türme, Öfen, Bunker. „Ich weiß sie noch alle auswendig, Namen und Ort“, versichert Hilla Becher, wenn sie an den 150 ausgestellten Bildern vorbeigeht: Zeche Helene Essen, Zeche Lohberg Dinslaken, Henrichs­hütte Hattingen, Zeche Concordia Oberhausen, aber auch Nemacolin Mine Pennsylvania und Caerau Colliery, South Wales.

„Anonyme Skulpturen“

Stille Monumente einer vergangenen Epoche sind das, unter dem stets leicht bedeckten Himmel von meist noch blattlosen Bäumen und einer leisen Melancholie umrahmt. „Anonyme Skulpturen“ haben die Bechers in diesen ganz auf Funktion und Profit hin kon­struierten Gebilden früh erkannt. In Bottrop weitet sich dieser isolierte Blick auf das einzelne Objekt zur komponierten Übersicht, zum Nebeneinander von Industrie und Leben. Wer mag, kann aus den Bildern geologische und geographische, architektonische und ökonomische Unterschiede herauslesen. Kann neben der imposanten, hochkomplexen Anlage von Duisburg-Ruhrort die zerfallene Förderturmruine eines Familien-Betriebes in Pennsylvania sehen.

Die Bechers waren Weltreisende in Sachen Schwerindustrie, schon seit den späten 1950er-Jahren, als der Gedanke an Weltkulturerbe-Zechen noch weit weg war. Aber der Becher-Ansatz lag nicht von Anfang an in der Bestandsaufnahme, im Aufbewahren für das kollektive Gedächtnis, das entwickelte sich erst allmählich. Doch keiner zuvor hat die Ästhetik der Förderbänder und Streben, der Kühltürme und Ziegelbauten so früh erkannt, so intensiv begleitet wie das Düsseldorfer Fotografenpaar. Früh entwickelte sich der gemeinsame Blick, die Faszination für das Funktionale, das Individuelle im Genormten, die Erhabenheit der Nutzbauten - und das Menschenleere. Selbst die Bechers fanden oft nur mit Mühe Zutritt zu diesen Industrieapparaten und gerieten in den 50ern bisweilen gar in den Verdacht der Industriespionage. Warum sonst sollte man auch Fördertürme fotografieren?

Abenteuerlich war das Leben der Bechers in jedem Fall, die teils wochenlang bei Bergbaufamilien in Wales oder in Wohnmobilen lebten, um Vorbereitungen zu treffen, Genehmigungen einzuholen, den exakten Standort zu finden. Und man kann bis heute nur staunen, wieviel Herzblut es für diese sachliche und klare Fotografie braucht. „Es darf nicht sentimental werden, nicht zu sozialkritisch, nicht zu trüb. Eine gewisse Strenge muss schon her, da waren wir uns einig“, sagt Hilla Becher und lacht herzlich: „Sonnenuntergänge, das war nichts für uns.“

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